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Mutter

Jeder hat eine Mutter. Sie ist es, die uns zu Beginn unseres Daseins Vertrauen in unsere Umwelt vermittelt. Doch was ist, wenn die eigene Mutter Verrat begeht? Nein, nicht ein Mal, öfters. Nun, der Verrat ist ein Bestandteil unseres Lebens. Jeder von uns hat es schon erlebt. Doch wie fühlt es sich an, wenn es die eigene Mutter ist? Es ist besonders schmerzhaft. Als junger Mensch fühlte ich mich in den Auseinandersetzungen mit meinem Vater erbärmlich schwach. Doch Unterstützung gab es trotz aller offensichtlichen Ungerechtigkeiten nicht. Ganz im Gegenteil: Als der Tag der unvermeidlichen Trennung im September 1983 kam, gab es den ersten Verrat. Vater beschimpfte zunächst meine Freundin als Hure. Als ich danach nicht mehr mit ihm zusammen am Mittagstisch sitzen wollte, gab er mir 24 Stunden Zeit das Haus zu verlassen. Andernfalls würde er die Polizei holen. Nach all den Jahren frage ich mich heute, was er denn den Polizisten erzählt hätte. Handgreiflichkeiten gab es zu diesem Zeitpunkt keine mehr. Alle Auseinandersetzungen waren verbaler Natur. Nach der klaren Ansage meines Vaters stand für mich fest, daß ich noch in der selben Stunde das Haus verlassen würde. Und meine Mutter stand schluchzend neben ihrem Ehemann und erklärte mir, daß ich ja sowieso irgendwann gegangen wäre. Und sie nunmal mit diesem Mann verheiratet wäre. Was ist das für ein Verständnis von Ehe und Mutter sein? Ist das der Kadavergehorsam, den sie als am 1.9.1939 Geborene schon im Mutterleib durch arische Volksempfänger akustisch empfangen und damit erlernen durfte? Warum hat sie ihrem Ehemann nicht erklärt, daß es unklug ist eine junge Frau, die auch noch die Freundin des Sohnes ist, als Hure zu beschimpfen? Im Talmud steht es schon: Das gesprochene Wort gehört dem anderen. Solche Wörter bleiben haften, und sie sagen viel mehr über den Sender der Botschaft aus, als über den Empfänger.

Nach einigen Monaten in Berlin stand er eines Tages in meiner Wohnung: Der Mann von der GEZ. Nachdem er einen Fernseher entdeckt hatte, wollte er auch Geld. Doch ich wehrte mich. Wohlwissend, daß in einem ordentlichen schwäbischen Haushalt alle Radio- und TV-Empfänger korrekt gemeldet waren, gab ich an, daß mein Hauptwohnsitz im schwäbischen liegt und damit alle Geräte erfaßt und bezahlt wären. Die GEZ hätte sich damit begnügt, wenn nicht meine Mutter einen Brief geschrieben hätte, in dem sie alles widerlegte und mich der Lüge bezichtigt hätte. Zugegeben, das ist ein unbedeutender Verrat in der Geschichte der Menschheit. Nur, weshalb öffnet der Mensch in manchen Situationen seinen Mund und in anderen Momenten hält er die Klappe? Nun, es gibt noch einen weiteren Verrat meiner Mutter. Doch das ist eine längere Geschichte und wird demnächst unter dem Titel "Silke" erscheinen.

4.4.10 17:31

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